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Rezension: „Das Beherrschte Geschlecht“ von Sandra Konrad

Sex. Macht. Freiheit

Eine Woche lang habe ich mich mit dem Buch „Das Beherrschte Geschlecht“ von Sandra Konrad beschäftigt, es gelesen, dabei mit FreundInnen und MitbewohnerInnen diskutiert und es mit anderen Texten verglichen. In derselben Woche veröffentlichte JK Rowling ihre transfeindlichen Äußerungen und in derselben Woche wurde die Abschaffung von Polizei in den USA erstmals so medienwirksam diskutiert, dass sie möglich scheint.

Die Psychologin Sandra Konrad hat ein Buch über die weibliche Sexualität geschrieben, über die Frage nach Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und Emanizipation. Der Streifzug durch die (hauptsächlich deutsche und europäische) Geschichte der Psychologie, Gesetzgebung und Rollenzuschreibung von Weiblichkeit wird gespickt mit eigenen Anekdoten, Interviewmaterial und Zitaten.

Sandra Konrads Buch ist im letzten Jahr, 2019, erschienen – drei Jahre nach der US-Präsidentschaftswahl von Trump, drei Jahre nach der Gesetzesänderung zu „Nein heißt Nein!“ in Deutschland. Dadurch ist das Buch sehr zeitgemäß. Gleichzeitig verharrt die Autorin in der Vergangenheit ohne Utopien und Entwürfe zu präsentieren, die Lösungen darstellen. So bleibt ihre Abhandlung ein Schütteln und Rütteln an dem patriarchalen System, und oft wird an den falschen Stellen gerüttelt und selten das ganze System in Frage gestellt. Ihr Feminismus- entspricht nicht meinem Feminismusbegriff und so hadere ich beim Schreiben dieser Rezension, wie ich damit umgehen soll.

Welcher Feminismus?

Ich frage mich, ob das Buch an mich adressiert ist. Selten hat mich ein Buch so aufgeregt und so zwiespältig zurückgelassen, wie dieses. Das kann auch ein Lob sein, denn Bücher, die meiner Meinung entsprechen, sind zwar Balsam für die Seele, sie unterstützen mich aber auch in meiner Bubble zu bleiben, mit meiner einzigen zu akzeptierenden Wahrheit. Vielleicht ist es also gut, dass ich es gelesen habe, um mich in meinen Standpunkten schärfen und abgrenzen zu können. Mein Feminismus-Begriff ist transinklusiv, intersektional (siehe Kimberlé Crenshaw) und immer kapitalismuskritisch (siehe Cinzia Arruzza, Tithi Bhattacharya, Nancy Fraser
Matthes – Feminismus für die 99% – Ein Manifest). Vielleicht hätte die Beachtung verschiedener Identitäten und der Ansatz von Gender-Nonkonformität (Zweigeschlechtlichkeit ist nicht biologisch, sondern konstruiert), sowie die Einbettung der Entwicklung des Patriarchats im Zusammenhang mit Kapitalismus den Rahmen des Buches gesprengt, aber zumindest hätte Sandra Konrad es hier und da andeuten können, um den Rahmen für alternative Interpretationsmöglichkeiten zu öffnen. Sie fährt also eine andere als die meine Agenda, sie hat eventuell sogar die Position eines neoliberalen, Psychologie-treuen Lean-In-Feminismus (siehe https://www.www-mag.de/debatten/beitrag/euer-feminismus-ist-nicht-mein-feminismus), den ich für gefährlich halte, da das System dadurch nicht verändert werden muss.

Literatur oder Wissenschaft?

Sandra Konrad bietet interessante Zitate von verschiedenen Frauen an, die sie in eigener Recherche und über viele Interviews gesammelt hat, und dabei die Berichte fast als universal gültig interpretiert. Manche Bereiche spricht die Autorin an, ohne sich darüber ausgiebiger zu informieren. So hat sie keine Sexarbeiterin oder Pornografie-Darstellerin, -Regisseurin, oder -Produzentin interviewt, die gerade aktiv in diesem Beruf tätig ist, und sie bietet keine Übersicht über die Systematik ihrer Daten-Erhebung. Wie viele Probandinnen hat sie interviewt, wie alt sind sie, in welchem kulturellen Kontext wurden sie sozialisiert, welche Geschlechtsidentität, welchen Bildungsstand, welche anderen Identitäten haben diese Probandinnen? Wie erfolgte welche Auswertung? Ist das Buch ein literarisches Essay oder eine wissenschaftliche Arbeit? Welchen Anspruch habe ich an Werke, wie dieses, wenn die Referenzen nur in einer Liste am Ende des Buches auftauchen?

PorNo – PorYes

Warum gefällt mir also das Buch auch in Teilen?
Manche Studienergebnisse sind interessant und anschaulich vermittelt. So stellt sie auf Seite 170 dar, dass sich körperliche Erregung bei Frauen zeigt, wenn sie pornografisches Material anschauen, obwohl sie es subjektiv als nicht erregend bewerten. Der fehlende Zugang zur eigenen Lust, ein Problem, das ich sehr gut kenne, ist eine ansprechende Erklärung für diesen Befund. Ihr Fazit aus ihrer Beobachtung zum Thema Pornografie ist jedoch ein von mir abweichendes. Wieso schaut sich die Autorin nicht Alternativen an, wie das Feministische Porno-Kollektiv Meow Meow (meow.wtf) oder die Art-Porn Reihe A Four Chambered Heart (afourchamberedheart.com)?

Stattdessen berichtet Sandra Konrad von einer feministischen Pornodarstellerin, die noch im patriarchalen Mainstream-Porno-Business arbeitet, um zu zeigen, dass Pornografie nicht gut für die weibliche Sexualität ist. Ich stimme zu, dass die meiste Pornografie frauenverachtend ist und Sandra Konrad schildert dies auch in eindrücklicher Weise anhand von Beispielen und historischem Abriss. Aber es gibt es eben auch Pornografie, die Lust in Frauen erzeugt und sicherlich dabei subjektive Erregungseindrücke berichtbar macht, eben weil diese Lust nicht problematisch ist. Sie fordert solche Pornografie auf Seite 183, schaut aber nicht, ob die Welt ihrer Forderung nicht schon gerecht wird, wie in meinen oben genannten Beispielen und auch versucht von Erika Lust und anderen Regisseurinnen.

Bondage, BDSM und Fifty Shades

Sandra Konrad erwähnt in der Danksagung, dass es 450 weitere Seiten gibt. Ich frage mich, ob in diesen die Ungereimtheiten erklärt werden, die in den 358 Seiten manchmal auftauchen. So nutzt sie bspw. das Wort sadomaso equivalent mit Bondage und kritisiert „Fifty Shades of Grey“ nur von einer Perspektive, die zeigt, dass Sandra Konrad sich nicht mit BDSM-Praktizierenden auseinander oder zusammen gesetzt hat. Es reicht ein wenig Sekundärliteratur wie diese hier zu lesen, um die Perspektive anzupassen und nicht die Lebenswelten von konsensuell praktizierenden Menschen verzerrt darzustellen.

Sexarbeit

„Prostitution ist und bleibt kein Beruf wie jeder andere.“ (S. 215) – Wieder schildert sie bildlich und schockierend die Lebenswelten vieler Prostituierter. Aber mit diesem Satz formuliert sie auch eine hoffnungslose Zukunft und eine fehlende Systembetrachtung. Adrienne maree brown druckt in ihrem Buch Pleasure Activism, was insgesamt ein guter Ausgleich zu Sandra Konrads Buch darstellt, auch das Essay von Chanelle Gallant „F*ck You, Pay Me“ ab. Thematisch ähnlich ist Chanelle Gallants Vortrag hier.

Um Sexarbeit zu kritisieren, muss man nicht nur Sex definieren, sondern auch Arbeit. An beiden Teilbegriffen scheitert Sandra Konrad. Sind Tantra-Massagen Sexarbeit? Ist unbezahlte Hausarbeit Arbeit? Die Prostituierte bekommt immerhin Geld für ihre sexuellen Dienstleistungen, während die Partnerin in einer heterosexuellen normativen Beziehung nicht immer klar dafür belohnt wird, Sex mit dem Partner zu haben, wenn ihre eigene Lust dabei nicht befriedigt wird.

Sexualisierte Gewalt und ihr Opferbegriff

Selbst die Ablehnung des Opferbegriffs bei sexualisierter Gewalt kritisiert sie ohne dabei transformative Gerechtigkeit zu erwähnen. So ist ihre Kritik, dass der Begriff „Erlebende von sexualisierter Gewalt“ verharmlosend ist, er wische „die Scham- und Ohnmachtsgefühle des Opfers vom Tisch“ und gaukele „eine Unantastbarkeit vor, die ja gerade durch die gewaltsame Überschreitung seiner Grenzen ad absurdum geführt wurde“ (S. 348 f.) Dabei lässt Sandra Konrad wieder nicht Menschen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, zu Wort kommen. In dem Moment des Gewaltereignisses war die Betroffene sicherlich in einer Opfer-Rolle, jedoch ist sie jetzt kein Opfer, sondern wieder eine selbstbestimmte Person, die sich ihrer Gefühle bewusst werden kann und ihr Erleben in die Vergangenheit einordnen darf. So ist der Mensch, der ihr dieses Leid angetan hat, auch jetzt nicht der Täter, sondern der, der die Gewalt ausgeübt hat. Die Konsequenzen seines gewaltvollen Verhaltens werden dadurch nicht abgesprochen, aber die leidbringende Person ist nicht Täter, die Person war in der Täter-Rolle.

Für nähere Informationen empfehle ich „Was macht uns wirklich sicher? Toolkit für Aktivist_innen“ – Herausgegeben von Melanie Brazzell.

Schocken – für wen?

Sandra Konrad zitiert erschreckende Kommentare von CDU-Politikern, Freiern und Cyber-Bullies, von Rappern und von Gelehrten (sie zitiert leider auch Nietzsche ohne dabei seine sexistischen Ansätze zu erwähnen).
Das Buch schockiert, da es immer wieder aufzeigt, wie viel Frauenfeindlichkeit noch heute wie früher einen Platz in unserer Gesellschaft hat. Und da frage ich mich, ob diese Frauenfeindlichkeit so einen Platz in einem Buch verdient hat. Triggerwarnungen sind nicht unbedingt immer hilfreich, aber manchmal wünschte ich beim Lesen damit nicht konfrontiert zu werden, was ich nicht eh schon in Foren, in Songtexten, in Clubs oder in Nachrichtenkommentarspalten oder in meinem eigenen Posteingang gelesen oder erfahren habe. Ist das so nötig für die Leserin?

Fazit

Ist das Buch eher für den cis-heterosexuellen Mann, der sich dem Thema nicht so oft aussetzen muss? Aber wo ist dann die Anleitung, wie es besser laufen kann? Es gibt eine lange Liste von Referenzen aber keine Empfehlungen für Utopien. Schade!

Pleasure Activism von adrienne maree brown (https://www.akpress.org/pleasure-activism.html) ist so eine Empfehlung von mir, leider noch nicht auf Deutsch übersetzt.